
Lesesaal Wie es 1961 zu unserer ersten Schülerband kam Als wir in den Sommerferien meiner alten Schulklasse - lange vor der Wind, Sand & Sterne-Ära - unsere erste kleine Band gründeten, war der kalte Krieg mit dem Mauerbau auf einem Höhepunkt in der großen Welt angelangt. In meiner kleineren, im erzgebirgischen Stützengrün, ging es bis dahin fast idyllisch zu. Im vertrauten singenden Ton der, noch von Jung und Alt gesprochenen Mundart, offenbarte sich das gemütvolle Wesen der Bewohner unseres Landstriches nah am Vogtland. In meiner Erinnerung lebt noch die Bimmelbahn mit dem Geruch ihrer Holzbänke und behaglichen Kohleöfen - für immer abgespeichert das Bimmeln der Glocke, das Stampfen und Pfeifen der Lok. Im Zug tauchten die Fahrgäste leicht in Gespräche ein, deren Wortfetzen vom gemächlichen Rhythmus der Schienenschläge fortgetragen wurden. Noch war die Entzauberung der Landschaft, durch welche die Kleinbahn bimmelte, unvorstellbar. Noch glühte die Buntheit der Handtuchfelder, Blumenwiesen, Heuschober und Strohpuppen in ihrer Endzeit. Die Weichen für eine industrialisierte, kollektivierte Landwirtschaft waren aber von diesem Jahr an unumkehrbar gestellt, auch wenn die Zerstörung der Landschaft zunächst mit Verzögerung und kaum merklichen Schritten erfolgte. Für die unwiederbringliche Schönheit meiner Heimat hatte ich als Heranwachsender schon ein instinktives Gefühl, aber kaum eine Ahnung von den Folgen der Umwälzungen, die mir erst um die Mitte der Siebziger schmerzlicher bewusst wurden. Die Kindheit mit Indianerspielen im Staabruch und in der Reit lag hinter mir. Nur Fußball war noch geblieben, ein Bazillus, von dem meine ganze Familie infiziert war. Das endlose Bolzen auf tausend Wiesenflecken und dem Sportplatz vor der Haustür war in einen geregelten Trainings- und Spielbetrieb übergegangen. Aus der Rückschau betrachtet, erscheint auch meine Grundschulzeit recht unbeschwert, was den politischen Druck anbetraf. Als sie sich dem Ende zuneigte, lief mit der Kubakrise die heiße Phase des kalten Krieges an. Ich weiß noch, dass der Bau der Mauer seltsam befremdend auf mich wirkte, als ich im August von einem Ferienlager in Werder/Havel über Potsdam heimfuhr und das Dilemma mitbekam. Meinen ersten System-Knacks hatte ich zuvor schon auf meinem geliebten Fußballplatz bekommen. Ausgerechnet auf dem magischen Feld vielfältigster Körperbewegungen und Tricks - des freien Spiels junger, Blut-durchpulster Körper, zog der neue Sportlehrer mit uns Jungen monotone Exerzierübungen durch, die ich von Beginn an verabscheute. Erinnerlich ist mir auch noch ein, im Schulflur angebrachter propagandistischer Aufruf, in dem sich unsere Lehrer zu verpflichten hatten, ihre Schüler zum „Klassenhass“ zu erziehen. Eine Wortbildung, die mich 14-Jährigen schon sehr stutzig machte und wie Giftdampf anwehte ... Archiv
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