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April 2010 - Ein Text von einem der Preisträger des Nachwuchspreises -Literatur im Erzgebirge 2010 die anderen Preisträgertexte folgen in den kommenden Monaten.

 



Photo: Kristian Hahn      
      

2. Platz beim Nachwuchspreis - Literatur im Erzgebirge 2010

Epik in der Altersklasse 15 bis 19 Jahre

Stefanie Fichte, Lugau, 16 Jahre


Wenn Dunkelwesen
nachts entfliehen ...

„Na los, ab ins Bett mit dir!“

Wie er diese Worte hasst. Jeden Abend hofft er, einfach wach bleiben zu können, sich nicht in die Dunkelheit mit all ihren Fratzen und Ängsten begeben zu müssen. Aber ändern kann er es nicht und fügt sich. Sagt ihr gute Nacht. Wie kann sie nur so unbeschwert, so offen lächeln, während sie ihn in die Hölle schickt. Er tobt innerlich, hat Angst, eine Angst, die nur er versteht. Und doch bleibt er ruhig, sagt nichts, denn er weiß, dass sie ihn nicht versteht. Erwachsene sind zu oberflächlich. Sie hören weder den Teddy tagsüber fröhlich plaudern, noch sehen sie sein finsteres Gesicht nachts, die böse blitzenden Augen und den unheilvollen Schatten. Also geht er die Treppe hinauf, das Licht im Flur spendet nur milde Trost. Er legt sich in sein Bett und hofft, dass alles gut wird. Die Taschenlampe liegt neben ihm auf einem kleinen Tisch. Die einzige, die helfen kann, denn Licht mögen sie nicht, die Fratzen. Den Harry Potter-Band schiebt er aus seinem Blickfeld. Er ist stolz, schon so ein großes Buch zu lesen.

Sie freut sich auch, gibt gern mit ihm bei ihren Freundinnen an. Doch nachts muss das Buch zubleiben. Sonst fallen die Buchstaben heraus und werden lebendig. Das weiß er genau, denn wenn er im Bett liest, schweben die Dunkelwesen um ihn herum. Verfolgen ihn, wenn er sich nach links dreht. Tanzen vor ihm, wenn er sich nach rechts dreht. Und wenn er die Augen schließt, fressen sie das Schwarz vor ihm und die guten Erinnerungen an den Tag und verbreiten Schrecken in seinem Kopf. Das will er nicht, wirklich nicht. Das Licht macht er aus. Und sie lauern schon, die Fratzen. Über die Tapete huschen sie, die Struktur bekommt klare Formen, wird lebendig, hässlich, zeigt auf ihn, lacht ihn aus. Er will das nicht sehen, dreht sich weg von der Wand. Bekommt diese Angst, diese unbeschreibliche Angst, die wie eine Nebelwolke seine Gedanken verschleiert. Da knallt die Tür zu. Sie scheint jetzt unerreichbar zu sein. In den Vorhängen hat sich ein Vogel verfangen. Ein riesiger schwarzer Rabe blickt ihn mit wilden Augen an. Wie das Tier in sein Zimmer gekommen ist, weiß er nicht. Nachts passieren Dinge, die keiner erklären kann. Er merkt, dass seine Füße kalt werden, deckt sie zu. Ein lautes Krächzen, der Rabe hat sich befreit. Stürzt sich auf ihn. Doch er schreit, schreit sich die Lunge aus dem Körper, schreit, wie noch keiner geschrien hat. Aber er hört sich nicht. Hört nicht den Schrei, sieht den Vogel nicht. Um ihn ist mit einem Mal alles schwarz. Die Angst ist weg, wo ist sie hin? Er fühlt nichts, sieht nichts, weiß nicht, was er davon halten soll.
Ruhe.

„Guten Morgen Sammy! Raus aus den Federn, ab geht's in die KiTa!“ Er lächelt verschlafen seine Mama an, seinen Lieblingsteddy hält er in der Hand. „Mein Teddy hat Hunger.“ sagt er und geht ins Bad Zähneputzen.